Geschichten aus dem Supergau

14 Aug

Ein kleines Highlight aus meinem Arbeitsalltag, nur um einen Gegenpol zur Ansicht „Computer machen alles leichter“ zu liefern.

Gestern gab’s bei der Firma, nennen wir sie mal „Systembereitsteller“, die sich um unseren Webserver kümmert, ein kleines Problem. Natürlich bleiben kleine Probleme nicht so, sondern werden gerne auch mal zu großen Problemen. Das Problem speziell ist eines, das mittlerweile über 24 Stunden groß ist, und es heißt: „Nix geht mehr.“ Gar nichts. Der Server steht stumm und schweiget. Es ist ein virtueller Server, und seine Papamaschine ist wohl explodiert.

Da freut man sich doch, wenn man ein verhärmtes zynisches misstrauisches … Individuum ist und sich seine Backups stündlich von der Fremdkiste auf eine eigene zieht. So war das Glück, dass zwischen dem letzten noch in die Freiheit entfleuchten Backup und dem großen Urknall aller Abstürze gerade mal 7 Minuten verstrichen. (Wie klingt eigentlich die Vergangenheitsform Plural von „verstreichen“? „verstrochen“ vielleicht? Egal.)

Interessanter ist dann schon die Frage, „wohin jetzt damit?“ Denn das ist keine Spaß-Site gewesen, sondern durchaus was, an dem Leute zeitnah arbeiten, und die werden unzufrieden, wenn sie das nicht mehr können.

Die avisierte Wiederanlaufzeit wandert vorbei. Systembereitstellers Server ist tot. So richtig.

Der Feierabend wandert vorbei. Keine spontane Wiederauferstehung.

Ich brauch’ jetzt dringend was mit Webspace und Datenbank und einer festen IP, das Domains von außen annimmt. Aber so richtig dringend. Und auch so richtig solide, denn nochmal so ’ne Nummer ist nicht drin. Da habe ich ja zuhause Rechner, die schon länger dauerlaufen. (Ja, ich weiß, Zufall funktioniert halt nunmal so. Will ja auch gar nix sagen, solange sie lief, ging die Kiste richtig gut ab. „Desaster Recovery“ gibt’s ja nicht deshalb, weil’s nie Desaster gibt. Ich hätte nur gerne drauf verzichtet, bei einem dabei zu sein.)

Hey, wir haben ja einen Server inhouse. Der ist sogar schon mit sowas ähnlichem beschäftigt. Domain einrichten, externe Domain umleiten, Daten drauf, heissa! Es geht! Übers Internet! So richtig gut und flott! Rettung!

Fast.

Denn die Kiste ist sicher. Oh, was ist die sicher. Die ist so sicher, ich kann sie nicht von intern übers Web ansprechen. Und die Firewall fass’ ich in der Hektik nicht an, das ist schon gut so. Das hilft nur leider jetzt nicht weiter. Der Kunden kann werkeln, wir können’s nicht sehen. Das bringt nix.

Glücklicherweise hat unser zweiter Anbieter, nennen wir ihn „die Grundrechenaufgabe“, mittlerweile ein Paket im Programm, das ich mit einem Anruf bei der Hotline draufbuchen kann. Zufällig ist das a) leistungsfähiger als das, was er uns bisher verkauft hat, und b) spottbilliger. Hey, muss man den Stammkunden ja nicht sagen. Lässt man sie halt mit einem veralteten „Pro“-Paket wursteln, dass beim Klick auf ein einfaches "Wordpress Update" schon eng im Gürtel wird. Tja. Hätten’se mal früher angerufen, da hätten’se noch wat sparen können, guter Mann. Danke. Proaktive Kundenbindung sieht anders aus, aber hey, ich bin ja schon froh dass ich jetzt eine Box vor mir liegen habe, die laut Werbeprospekt viele grüne Häkchen, 99,99% und Redundanz gefressen hat. So sieht also Fortschritt aus. Auch SSH und die anderen Drei-Buchstaben-Dinger gehen jetzt auf einmal richtig komfortabel. Auf, auf, zum fröhlichen Neu-Einrichten!

Der Abend wurde dann zwar doch noch lang, weil viele Domains, umstellen, Warten auf DNS-Refresh, Testläufe, laberlaber, aber a) es geht wieder, b) ES GEHT WIEDER!  und c) ES! GEHT! WIEDER! (Hier Abbildung eines Computers, der in Zeitlupe von einer Sandale in einen Brunnen gekickt wird)

Puh.

 

Was habe ich daraus gelernt?

a) Unix-UNZIP ist Dreck. Zwar nur eine Randnotiz, aber:

Wieso? Weil’s alle Dateinamen in Kleinbuchstaben wandelt. Mit der Begründung, dass es früher Maschinen gab, die nur Großbuchstaben konnten, und das sei hässlich gewesen. Aha. Heute kann zwar jedes „Lunix“ beides, aber das fliegt einem ja erst um die Ohren, wenn man eine ganze Website packt, verschiebt, entpackt und sich dann wundert, warum DieDateiMitCamelCase.js auf einmal nicht mehr gefunden wird, weil sie jetzt diedateimitcamelcase.js heißt. Ja danke. tar -zcvf to the rescue! Dann geht’s auch wieder wie geplant.

b) Backup. Backup hilft. Vielleicht besser gleich noch ein Backup. Jetzt! Bevor noch was passiert!

2 Replies to “Geschichten aus dem Supergau

    • Ich denke mal, dass wir den Vertrag über den managed Server nicht mehr verlängern werden. Und die Maschine ist immer noch nicht wieder betriebsbereit. Nach 36 Stunden (!). Sorry, aber sowas geht nicht. Unser Kunde würde uns zu Recht aufs Dach steigen, wenn wir sowas lieferten. Da helfen auch 2 CPUs und gigabyteweise RAM und 100 MBit und eigene IP nicht mehr weiter. Eigentlich schade, die Box war richtig heiß. Aber was hilft’s, wenn die Leistung nicht verfügbar ist. Das war leider eine ziemlich traurige Vorstellung.

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